Aus aktuellem Anlass hab ich mir mal so meine (nicht ganz ernsten) Gedanken über diese ewige Analog vs. Digital Diskussion gemacht.

War das früher nicht irgendwie schön?
Riesige Schlachtschiffe, die begleitet von dem Geräusch kapitulierender Bandscheiben mit 20 Mann in Position gebracht wurden.
PSU’s deren Abwärme die Temperatur am FoH- oder Monitorplatz konstant bei 40 Grad halten, Sommer wie Winter und Draußen wie Drinnen?
Kühlschrankgroße Sideracks mit dem feinsten Outboardschätzchen.
Wild blinkende LED’s und VU-Meter die unbedarfte Laien anziehen wie die Fliegen….”Des sinn abber viele Knöppcher und Schalder!”
Die durch ihre schiere Größe jedem Mischer ein Gefühl von Sicherheit vermitteln und den FoH wie eine mittelalterliche Burg wirken lassen.
Besetzt von edlen Rittern die mit finsterem Blick und hastigen Bewegungen während des Gigs sowohl die komplette Technik zähmen als auch ein wahres Brett an Sound aus dem System zaubern.
Waren das noch Zeiten wo das Toolcase neben dem Transport von wichtigen Utensilien wie Lötkolben, Deskcharts (speichern ging ja nicht) und Multimeter,
als Trittleiter diente da Menschen unter 1,90m bei den großen Konsolen nur unter großen Anstrengungen an die Gain-Regler kamen oder Insert’s stecken konnten.
Vorbei die Zeiten der stundenlangen Fehlersuche, da im Dynamicsrack ein Kabel vertauscht oder ein Netzteil abgeraucht ist.
Oder hat sich mal in den letzten Jahren jemand Gedanken gemacht wie die Belegung der Inserts ist?
Softwareprobleme?
Kannten wir nicht, wir hatten immer nen Haufen Inputmodule und die doppelte oder dreifache Anzahl an PSU’s dabei.
Wer kann sich noch an die schöne Zeit erinnern wo die defekte Main-PSU die Havarie gleich mit ins Verderben reißt
und nach lakonischem Achselzucken einfach das zweite PSU-Rack, mit 4 Mann ausm Truck geholt wird?
Oder kratzende Potis und Fader? Da musste man noch wirklich abwägen ob man wirklich dreht oder schiebt…
Fetter Sound kein Problem…Peak-LED’s und Meter’s zeigten uns doch nur das die Konsole am Limit war und es jetzt erst richtig geil wurde.
War doch geil, tapfere Männer hinter ihren riesigen Geräten, die mit vollem Körpereinsatz am Sound schraubten und hofften das zum Abbau
noch genug Hands da sind um vor Geschäftsschluss noch irgendwo nen Bier zu ergattern.
Und jetzt?
Wir heben das Pult zu zweit, im Notfall auch zu viert entspannt an Position.
Ziehen eine dünne Strippe zum Stagerack.
Haben endlich auch mal Platz am FoH für Kaffeemaschinen, Fernseher, Hängematten, Laptops und nette Gesellschaft.
Im Toolcase findet man nun immer eine riesige Sammlung an USB-Sticks, Speicherkarten und auf dem Laptop
die aktuellsten Softwaregimmicks oder einfach nur mal nen guten Kinofilm.
Jeden Tag haben wir statt körperlicher Anstrengungen seelischen Stress.
Das wohlige Gefühl einer gewissen Unsicherheit ob uns heute die Konsole einen entspannten Gig beschert.
Wir freuen uns schon auf die von den tollen Fahrkarten-Automaten übernommenen Touchscreens, und packen den Bleistift mit Radiergummi am Ende aus,
da wir sonst jedesmal von der digitalen Technik wurstiger Finger angeklagt werden.
Ob wirs diesmal schaffen unser mühsam vorbereitetes Setup ohne größere Probleme ins Pult zu laden, oder ob wir mit fröhlichem Grinsen das komplette Routing abschießen.
Ob die CPU den Hitzetod stirbt oder ob wir zwar Arbeiten, aber aufgrund der Sommersonne leider nicht erkennen können welchen Kanal wir selektiert haben
und ob wir überhaupt am richtigen Regler drehen weil das Display einfach zu wenig Kontrast bietet.
Aber immerhin, die Bandscheiben bleiben geschont und unsere einzige Sorge gilt dem Headroom der Preamps.
Digitales Clipping klingt selbst auf der Gitarre scheiße.
Nachdem dann alles steht und der Soundcheck gemacht wurde, stellen wir entsetzt fest, das der Kollege der Band vor uns leider alles überschrieben hat
und der FoH-Betreuer spontan die Konsole geupdatet hat. Unser File lädt nicht mehr und wir fangen dann doch wieder von Null an.
Egal wir haben ja nur 48 Inputs auf mehreren Layer, da 16 Fader einfach weniger Platz wegnehmen und mehr Space für wichtige Dinge,
wie Aschenbecher, Bier und nette Gesellschaft bleibt.
Beim Umschalten sterben der Fader insgesamt 8 Stück, da die Motoren den Festivalstaub gefressen haben.
Kurz vor dem Höhepunkt des Sets beenden wir den Gig mit einem der klassischen Spezialeffekte….
Ein lautes “PLOPP” und wir booten unter wüsten Beschimpfung des Publikums die Konsole neu.
Nach einem weiterem Ohren betäubenden Knall bringen wir den Gig doch noch zu Ende.
Der Betreuer stellt noch fassungslos fest, dass wir von den 400 Dynamics, 200 FX-Engines und 20 Specials,
doch nur das nötigste verwendet haben.
Auch ist ihm völlig unverständlich warum wir die 31-Bänder in jedem Kanal vernachlässigt und doch lieber mit 4 Bändern gearbeitet haben.
Nach dem Gig, klappen wir unseren Koffer und den Laptop zu.
Der Verbrauch von Tape hält sich auch in Grenzen, da wir ja in jedem Kanal LCD’s haben die uns die Beschriftung ersparen.
Sofern unser Setup geladen wurde….
Naja ist ja schon geil, Fader die sich wie von Geisterhand bewegen und riesige Displays die im Notfall auch zum DVD schauen genutzt werden können.
Und der wichtigste Punkt:
Wir schaffen es in Rekordzeit zum Feierabendbier!!!!!!!!
Wir wandern also, unter den wüsten Beschimpfungen des Betreuers (wir erinnern uns an das zerschossene Routing)
und des Bandmanagers (der total Ausfall mit “Plopp”) in Richtung Backstage.
Als unser Blick bei der Verabschiedung auf den Kollegen mit dem Analogpult (er bestand im Rider darauf) fällt.
Dieser tauscht mit einem leichtem Grinsen noch 2 Inputmodule und behandelt 6 Potis mit Kontaktspray.
Packt dann seine Sachen und folgt, unter Lobeshymnen für den geilen Gig, eine halbe Stunde später.